In den deutschen Redaktionen reibt man sich mit Verwunderung die Augen: Allzu gerne hat man hier das Narrativ der unbarmherzigen Polen und Ungarn bedient, die empathielos ihre Türen für die beklagenswerten Schutzsuchenden aus den Krisenregionen dieser Welt verschließen. Nun wird dieses Bild durch die Aussagen von Victor Orbán („Wir lassen jeden herein“) und vor allem durch die Taten Polens und Ungarns konterkariert.

Manch einer zeigt sich nun überrascht, angesichts des vermeintlichen Sinneswandels dieser Länder. Andere unterstellen ihnen gar Rassismus, da sie die Aufnahme von Migranten aus Vorder-/Zentralasien und Afrika ablehnten, während sie nun ihre Nachbarn mit offenen Armen empfangen. Diese einfältige Sicht der Dinge kann man gleichwohl nur einnehmen, wenn man nicht in der Lage ist, eben diese Situationen von 2015 und 2022 differenziert zu betrachten.

1,5 Millionen Ukrainer leben bereits in Polen. Viele sind bereits nach der russischen Annexion der Krim in ihr westliches Nachbarland geflohen. In den Medien hierzulande hat man dies gerne ignoriert, viel lieber hat man die Polen wegen der unerbittlichen Verteidigung ihrer Ostgrenze an den Pranger gestellt.

Ein genauer Blick darauf, welche Flüchtlinge heute kommen und welche damals kamen, hilft zu verstehen, weshalb die Reaktionen vermeintlich unterschiedlich ausfallen. Und die Unterschiede zwischen der damaligen Migrationsbewegung und der derzeit tatsächlich stattfindenden Fluchtbewegung sind eklatant.

Zum einen tobt in der Ukraine momentan ein realer Krieg, der auch unter der Zivilbevölkerung Opfer fordert und den man in weiten Teilen Vorder-/Zentralasiens und Afrikas vergeblich sucht. Waren es seit 2015 im Wesentlichen Wirtschaftsflüchtlinge, die sich auf den Weg gen (West-)Europa machten, sind es heute Menschen, die vor Bomben und Granaten fliehen. Ein maßgeblicher Unterschied: Wer kann sich schon davon freisprechen, lieber Menschen aus wirklicher Not helfen zu wollen, anstatt denen, die lediglich am eigens hart erarbeiteten Wohlstand (West-)Europas partizipieren wollen.

Außerdem kamen seit 2015 hauptsächlich junge, wehrfähige Männer als „Schutzsuchende“. Auch wenn die Medien durch öffentlichkeitswirksame Bilder von traurigen Kinderaugen ein anderes Bild malen wollten: Wer sich die Boote, die sich aus Nordafrika auf den Weg machten, oder die marodierenden Migranten an der polnisch/belarussischen Grenze ansah, wusste genau, dass Frauen und Kinder einen marginalen Anteil an der Zahl der Einwanderer besetzen.

Die Fluchtbewegung aus der Ukraine sieht gänzlich anders aus. Frauen und Kinder werden in Sicherheit gebracht, während Väter, Ehemänner und Brüder zur Waffe greifen, um ihr Land zu verteidigen, gar nachdem sie ihre Familie in Sicherheit gebracht haben wieder zurück ins Kampfgebiet fahren. Ob man in Afghanistan wohl beschämt auf die sich einer übermächtigen und bestens ausgerüsteten Armee entgegenstellenden Ukrainer schaut, während man selbst, durch westliches Kriegsmaterial gut ausgerüstet, das Land kampflos einer primitiv ausgerüsteten, religiös-fanatischen Minderheit überlassen hat?

Der örtliche Aspekt sei ebenso zu berücksichtigen. Während die „Schutzsuchenden“ seit 2015 mit großer Mehrheit durch zig sichere Länder über tausende Kilometer „flüchteten“ und sich wohl erst in Ländern mit einer bequemen sozialen Hängematte ausreichend sicher fühlten, fliehen die Ukrainer zum weit überwiegenden Teil nur bis dahin, wo sie vor den Kampfhandlungen in ihrem Heimatland sicher sind – zumeist in ihre Nachbarländer, wohl auch, um bei einkehrendem Frieden möglichst bald in ihre Heimat zurückkehren zu können. Allein letzteres sorgt schon für mehr Akzeptanz in den Aufnahmeländern.

An letzter Stelle genannt, aber dem Werte nach ein ganz wesentlicher Punkt: Bei den Ukrainern handelt es sich eben um Nachbarn, die sämtlichen Osteuropäern nicht nur räumlich, sondern auch kulturell nahe sind. Sind aus Afrika und Vorder-/Zentralasien Menschen aus den patriachalistischsten, konfliktreichsten und bildungsferneren Teilen der Erde mit all ihren negativen Begleiterscheinungen zu uns gekommen, sind es nun Menschen mit gleichartiger Charaktereigenschaft und Wertevorstellung. Sie teilen oft den christlichen Glauben oder sind zumindest ebenfalls christlich geprägt und auch wenn in der deutschen Medienlandschaft gerne die schöne bunte Welt gefeiert wird: Gleich und Gleich gesellt sich gern. Unverschämte Forderungen statt Dankbarkeit, gegenseitige Akzeptanz statt Anfeindungen von „Ungläubigen“ und der Wunsch am Wohlstand des aufnehmenden Landes mitzuwirken anstatt selbigen durch bloßes Nehmen zu gefährden, begegnet der Mehrheitsbevölkerung bei dieser „Nachbarschaftshilfe“ deutlich häufiger.

Und aus diesen Gründen ist die nun entstehende „Willkommenskultur“ nur allzu verständlich und doch beachtenswert, nachdem sie seit 2015 einige nachvollziehbare Beschädigungen erfuhr. Bleibt nur zu hoffen, dass die Hoffnungen der Europäer nicht abermals durch das Verhalten der Neuankömmlinge zerstört wird und vor allem sich nicht wie 2015 hunderttausende „Fachkräfte“, oder 2021 tausende „Ortskräfte“, nun tausende „afrikanische Studenten“ auf den Weg machen.

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